Leserbrief an das Hamburger Abendblatt zum Hoheluftkontor am Isebek
Sehr geehrter Herr Iken,
Ihr heutiger Kommentar "Politiker an die Macht" und der Artikel "Dicke Luft" irritieren mich.
Ich bin erstaunt, wie eindeutig Sie Stellung für das Kontorhaus beziehen, und ich bin enttäuscht, mit welchen Mitteln sie versuchen die Argumente der Isebek-Initiative herabzuwürdigen.
Sie schreiben sinngemäß, dass die Initiative behauptet "[die Bezirkspolitiker] setzten bei Flyern und Plakaten die Mittel der Bildfälschung ein."
Warum fehlt Ihnen der Mut, an dieser Stelle die Fakten zu zeigen?
Auf der Web-Seite der Initiative (www.isebek-initiative.de) sind die Fälschungen konkret erwähnt, unten anderem diese Fotomontage:
Fakt ist: Das Bezirksamt Eimsbüttel hat eine offensichtlich gefälschte Fotomontage an 195 000 Eimbüttler verschickt! Anstatt über diesen m. E. ungeheuerlichen Vorgang zu berichten, unterstellen Sie der Initiative, dass sie den Bezirkspolitikern Bildfälschung vorwerfen würde - ohne Hintergrundinformation zu liefern. In dem Zusammenhang zitieren Sie weiter eine SPD-Politikerin mit dem Ausspruch "Es werden ... Unwahrheiten verbreitet" - und unterlassen jeglichen Kommentar über die Bildfälschung.
Von einer Zeitung mit Ihrem Anspruch hätte ich mehr Objektivität und Faktentreue erwartet.
Glauben Sie denn wirklich, die Menschen sind naiv genug, Ihnen diese Eimsbüttler "Hofberichterstattung" abzunehmen? Meines Erachtens tragen Sie mit einer Berichterstattung in dieser Form eher zum allgemeinen Politikverdrossenheit bei. Es gibt inzwischen im Internet andere Informationsmedien, von denen einige einfach besser berichten.
Ihre abwertende Meinung über direkte Demokratie im heutigen Kommentar passt da leider ins Bild.
Warum schreiben Sie "[dort] kämpft eine Gruppe ihren bizarren Kampf gegen einen Büroneubau" und nicht "[dort] kämpft eine Bürgerinitiative für die Einrichtung einer Grünfläche auf einem Platz, der im derzeit geltenden Baustufenplan als geplante Öffentliche Grünanlage ausgewiesen ist"?
Ihnen scheint nicht bekannt zu sein, dass in Hamburg momentan in massivem Umfang Büro- und Wohnungsbau initiiert wird. Und das eben nicht nur auf Brachflächen, sondern leider auch auf ökologisch hochwertigen Grünflächen. Das ist offizielle Senatspolitik und das wollen viele Bürger nicht. Es geht nicht darum, Bebauungen "zu verhindern", sondern um den Erhalt von ökologisch wertvollen Flächen. Ist das denn so verwerflich?
Eine einmal versiegelte Fläche wird nie wieder renaturiert.
"Die Übernahme von Verantwortung, das Allgemeinwohl, der Mut zu nachhaltigen Entscheidungen" ist für Sie anscheinend gleichbedeutend mit bedingungsloser Unterstützung von Bauinvestoren. Das ist zu kurz gedacht. Haben Sie eigentlich schon einmal gemerkt, dass Sie in einer Stadt leben, die weltweit als "grüne" Metropole bekannt ist? Gerade heutzutage ist Mut zu nachhaltigen Entscheidungen notwendig, um in Hamburg Grünflächen zu erhalten.
Natürlich werden Wohnungen und Büros gebraucht. Aber doch bitte nicht in Gebieten, in denen vom Aussterben bedrohte Fledermäuse ihre Brutstätten haben.
Die Mehrheit der Bevölkerung weiß den Erhalt von Natur hoch zu schätzen. Beim Bürgerentscheid zum Buchenhofwald in Iserbrook haben 87 % der Bürger für den Erhalt des Stadtwaldes gestimmt und gegen die aus Ihrer Sicht "dringend benötigten Genossenschaftswohnungen". Die Politik hat sich trotzdem nicht bemüht, den Beschluss umzusetzen, sondern dies mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln verhindert.
Leider nimmt die Politik immer weniger Rücksicht auf die Wünsche der Bürger nach Naturerhalt. Selbst in der grünen GAL haben die Städteplaner längst eine Mehrheit über die Ökologen. Auch die traditionellen Naturschutzverbände verlieren an Bedeutung. Bezeichnend ist, wie Ex-Senator Alexander Porschke (GAL) jetzt den NABU instrumentalisiert hat, sich an der Isebek gegen sein ureigenstes Interesse auszusprechen - den Naturschutz.
Bürgerinitiativen sind nun verstärkt in der Verantwortung und daher halte ich es für sehr wichtig, das Instrument der direkten Demokratie nicht einzuschränken.
Es würde mich freuen, wenn Sie zukünftig in Ihrer Berichterstattung mehr Mut zur Ausgewogenheit zeigen und Personen, die sich unter großem persönlichen Einsatz für den Erhalt von Umwelt und Natur einsetzen, nicht pauschal als "Vereinfacher und Zuspitzer, Egoisten und Populisten" abqualifizieren.
Viele Grüße,
Tim Weber




Kommentare
Das Abendblatt heißt doch nicht umsonst Senatsblatt. Es ist das Sprachrohr des Senats. Und da der Springer-Verlag auf allen Kanälen den dummen Bürgern klar gemacht hat, dass alles, was in der Zeitung steht, auch wahr ist - braucht man sich über Fragen wie "Glauben SIe, die Menschen sind naiv genug ...?" nicht mehr zu unterhalten. Der Großteil ist naiv. Ja. Die glauben, was dort an selektiver, parteilicher "Berichterstattung" steht. Um so wichtiger, auf anderen Wegen darauf hinzuweisen, dass das Senatsblatt bewusst lenken will.