bedrohter Freiraum in Bahrenfeld: Besuch bei den Holstenpunx
Direkt gegenüber unserer Bahrenfelder Kleingärten befindet sich am Holstenkamp 119 ein kleiner Freiraum, in dem 16 ehemals obdachlose Altonaer Jugendliche, die sogenannten "Holstenpunx", selbstbestimmt, friedlich und unaufällig leben. Das Gelände befindet sich auf einem Grundstück von "Pflegen und Wohnen" das ehemals als Flüchtlingswohnheim genutzt wurde und acht Jahre leer stand.
Die ehemals obdachlosen Jugendlichen leben hier gemeinsam unter einem Dach. Sie befinden sich zum Teil in Ausbildungen und erarbeiten sich Perspektiven für ihr selbstbestimmtes und unabhängiges Leben in der Stadt, wie z.b. der Betrieb einer eigenen Hundepension.
Nach Aussage der Jugendlichen wird das Projekt unter anderem von der Lawaetz-Stiftung mit unterstützt.
Über das Wohnprojekt gibt es zwei Video-Dokumentationen auf YouTube, die hier abgerufen werden können. In den Interviews kommen alte Menschen aus dem benachbarten Seniorenheim zu Wort, die sich Sorgen machen, wenn die Jugendlichen wieder zurück auf die Straße müssen. Die alten Menschen kommen mit den jugendlichen Punx prima zurecht. Es gibt einen Brief, in dem sich eine alte Dame für die nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft bedankt, die sie anderswo in dieser Form noch nicht erlebt hat.
Es wäre wohl eine andere Stadt,
wenn dieser Freiraum nicht von den Begehrlichkeiten irgendwelcher Investoren oder Finanzbehörden bedroht wäre.
Zur Zeit werden zwei in den Häusern leerstehende Zimmer nicht weiter an bedürftige obdachlose Jugendliche vermittelt. Laut offizieller Aussage der Leiterin des Jugendamtes Altona – Frau Christiane Geng - würden neu hinzukommende Jugendliche "die erreichte Stabilität der jetztigen Bewohner gefährden".
In Wirklichkeit hat die Stadt längst schon ganz andere Pläne mit dem Grundstücken vor. Gemäß einem Schreiben der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz vom 11. November 2009 an "NicosFarm" soll das Gelände für "familiengerechtes Wohnen im Rahmen von Baugemeinschaften" genutzt werden. "Nicos Farm" ist ein gemeinnütziger Verein, der in weiteren leer stehenden Häusern auf dem Grundstück einen Lebenstraum von Eltern mit behinderten Kindern realisieren möchte.
Inzwischen ist bekannt geworden, dass das Gelände mit einem möglichst hohen Erlös verkauft werden soll, um damit Löcher im Pensionsfond von "Pflegen und Wohnen" zu stopfen.
Das Gelände befindet sich genau zwischen der Autobahn, dem Lutherpark und den sogenannten "Verwertungsflächen" des erweiterten A7-Autobahndeckels. Nach Aussage eines Mitgliedes des NaBu-Altona existieren längst Pläne, den Lutherpark ebenfalls mit zu bebauen.
Hinter dem schön klingenden Begriff von einem "familiengerechten Bauen" verbirgt sich insofern vermutlich die Vision des Vorsitzenden der CDU-Fraktion Altona, Herrn Uwe Szczesny, im Bereich Bahrenfeld und Othmarschen das größte zusammenhänge Villengebiet Europas aufzubauen. "Familiengerecht" sind nach dieser Lesart nur die "Besser-Familien", die sich diese Reihenhäuser und Villen leisten können.
Wenn das Projekt scheitert, müssen vierzehn Jugendliche wieder zurück auf die Straße. Es ist fraglich, wie sie von dort aus Ihre Ausbildungen und Lebensentwürfe fortsetzen sollen.
Wie wird es dann weiter gehen?
Für die oben gemeinten "Besser-Familien" ist der Anblick obdachloser "herum lungernder" Punx am Altonaer Bahnhof oder am Spritzenplatz sicherlich nicht zumutbar. Der Bezirk wird wohl Wege finden wird, diesen "Besser-Familien" den Anblick obdachloser Jugendlicher zu ersparen. Notfalls sind die anliegenden Gewerbetreibenden aufgefordert, sich in sogenannten "Business Improvement Districts" zusammen zu finden um die von offizieller Seite unerwünschten Randgruppen aktiv zu vertreiben bzw. in andere Bezirke abzudrängen.
Über die langfristigen volkswirtschaftlichen Gentrifizierungs-Folgen in Form von z.B. Kosten zum Lebensunterhalt oder vielleicht auch Beschaffungskriminalität machen sich heutige Bezirkspolitiker keine Gedanken. Dies wird dann Aufgabe kommender Generationen sein, wenn die gegenwärtigen "Volksvertreter" von der Allgemeinheit versorgt ihren Ruhestand genießen.
Was bleibt zu tun?
Den Holstenpunx ist jede Aufmerksamkeit für ihr aus meiner Sicht unterstützenswertes Projekt zu wünschen. Es wäre toll, wenn sie sich im Initiativen-Netzwerk "Recht auf Stadt" mit einbringen um dort Tipps und Unterstützung mit zu erhalten.
Denkbar wäre vielleicht ein Tag der offenen Tür um sich Nachbarn und Anwohnern vorzustellen. Schön wäre es auch, wenn mehr Kontakte zwischen Kleingärtnern und Punx zustande kommen. Es gibt sicherlich Gärtner in den Kolonien, die bei "Punx" zuerst an aufgebrochene Autos oder angezündete Lauben denken. Wenn man in den Räumen zu Besuch war und die Menschen kennen gelernt hat, stellt man fest, dass hier freundliche und offene junge Menschen leben, die zusammen mit ihren Hunden nach eigenen Vorstellungen selbstbestimmt leben wollen.
Zum Schluss
noch eine Anekdote, die nachdenklich stimmt. Bei meinen Besuchen erzählten mir die Bewohner, dass ein Fahrradfahrer schon zwei Mal aus den Kleingärten herüber gekommen ist und seinen Müll auf dem Gelände abgekippt hat. Als die Bewohner ihn ansprechen wollten, ist er schnell davon gefahren. Verrückte Welt!
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Kommentare
Fahrt zur Hölle, Prostitiker!
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Mensch Ralf, Politik ist doch das schmutzigste Geschäft überhaupt. Du...
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Wundert dich das? Nicht wirklich. Wir haben doch die ganze Zeit mit...





Kommentare
Ein Mitglied der Bezirksfraktion Altona hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Abgeordneten in der Bezirksversammlung ehrenamtlich und in ihrer Freizeit tätig sind. Sie erhalten weder eine Diät und schon gar keine Altersruhegelder. Das Zitat „…die gegenwärtigen "Volksvertreter" von der Allgemeinheit versorgt ihren Ruhestand genießen“ wurde von ihm als unfair empfunden.
Der Hinweis ist zutreffend – so möchte ich meine Auffassung hier noch einmal präzisieren. Selbstverständlich möchte ich keine Menschen diffamieren, die sich in ihrer Freizeit und aus Ihren Überzeugungen heraus in Parteien engagieren. Es geht mir darum, einen Zusammenhang zwischen politischen Entscheidern einerseits und den von ihren Entscheidungen betroffenen Menschen andererseits herzustellen. Unter "Entscheidern" verstehe ich nicht nur die Berufspolitiker, die im Hamburger Rathaus wirken, sondern fast noch stärker meine ich damit die gut versorgten Verwaltungsjuristen in Spitzenämtern von Behörden.
Ich empfinde es als zutiefst unmoralisch, nach welchen Maßstäben über Schicksale von Menschen entschieden wird bzw. welch kommerziellen Interessen diese Entscheidungen untergeordnet werden. Mit diesem Hinweis möchte ich eine Wahrnehmung des sozialen Status der politischen Entscheider sowie der Betroffenen erreichen.
Die Bezirkspolitiker in Altona bitte ich, mir diese Verallgemeinerung nachzusehen. Die allermeisten sind hier nicht gemeint.